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Georg Büchner

Schriftsteller, Arzt, Revolutionär

Georg Büchner

Unsere Schule trägt den Namen Georg Büchners.
Wer war Georg Büchner?  Warum hat sich die Schulgemeinde für ihn als Namenspatron entschieden?
Die Antwort auf diese Fragen gibt der folgende Text unseres ehemaligen Pädagogischen Leiters Hermann Tilp.

Georg Büchner wurde am 17.10.1813 in Goddelau geboren. Seine Familie übersiedelte bald nach Darmstadt, wo Georg Büchner aufwuchs. Sein Vater und seine beiden Großväter waren Ärzte. Die Familie war wohlhabend. Georg Büchner blieb in der Berufstradition der Familie und begann 1831 ein Medizinstudium an der Universität Straßburg. Der Aufenthalt in Straßburg brachte wichtige Weichenstellungen für seinen Lebensweg. Sein literarisches und politisches Interesse fand in der freisinnigen Atmosphäre Frankreichs reiche Anregung. Er knüpfte Kontakte zu reformorientierten, sozialkritischen Intellektuellenkreisen. In diesen Jahren lernte er auch seine Braut, Minna Jaegle, eine Pastorentochter, kennen.

Die politischen Umstände in seiner Heimat, dem Großherzogtum Hessen, zwangen ihn nach zwei Jahren zu einem Wechsel des Studienorts. Im Großherzogtum Hessen wurden nur Examina anerkannt, die im Land selbst abgelegt wurden. Daher setzte Georg Büchner sein Studium 1833 an der Universität Gießen fort.

Er fand das Leben an der großherzoglichen Landesuniversität bedrückend. "Eine hohle Mittelmäßigkeit. " "Die Stadt ist abscheulich." 1834 schreibt er: ".. dabei engten mich die politischen Verhältnisse ein, ich schämte mich, ein Knecht mit Knechten zu sein, einem vermoderten Fürstengeschlecht und einem kriechenden Staatsdiener-Aristokratismus zu Gefallen. Ich kam nach Gießen in die widrigsten Verhältnisse, Kummer und Widerwillen machten mich krank."

Was waren das für Zustände, die 1833 einen jungen, freiheits- und gerechtigkeitsliebenden Menschen in Deutschland, im Großherzogtum Hessen, krank machten?

Deutschland bestand aus über dreißig souveränen Staaten aller Größenordnung. An der Spitze fast aller dieser Staaten standen Fürstenhäuser, die jahrhundertelang mit uneingeschränkter Macht über ihre Untertanen geherrscht hatten. Viele dieser Fürsten behandelten ihre Staaten wie Privatbesitz. Der Staatsapparat und die Staatsfinanzen dienten dem persönlichen Wohlergehen, der Prachtentfaltung und häufig der Bauwut der Fürsten. Wenn überhaupt Investitionen zur Verbesserung der Wirtschaftsstruktur in den Staaten vorgenommen wurden, so zielten diese nur in Ausnahmefällen auf das Wohlergehen der Bevölkerung ab, ihr Zweck war in der Regel die Steigerung der fürstlichen Einkünfte.

Die Französische Revolution von 1789 hatte diese großen und kleinen Fürstenstaaten erschüttert. In Frankreich führte man vor, dass ein Volk durchaus ohne einen Fürsten von Gottes Gnaden gut zurechtkommen konnte. Die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, nach Menschen- und Bürgerrechten fanden auch in Deutschland großen Widerhall. Der geistigen, materiellen und militärischen Kraft des revolutionären Frankreichs hatten die deutschen Fürstenstaaten wenig entgegenzusetzen. Napoleon, der Kaiser des neuen Frankreichs, überrannte sie und diktierte ihnen seinen Willen.

Aber unter der Belastung der französischen Besatzung erwuchs Widerstandswille im Volk. Die deutschen Fürsten sahen ihre Chance. Sie versprachen und gaben zum Teil größere politische und wirtschaftliche Freiheiten. In der Bevölkerung entwickelte sich ein neues Staats- und Nationalbewusstsein. Nach der katastrophalen Niederlage Napoleons in Russland im Winter 1812/1813 erhob sich das deutsche Volk und vertrieb Napoleon in den Freiheitskämpfen der Jahre 1813/1814. Die Freiheitskämpfer glaubten einen neuen Staat errichten zu könne, in dem "Einigkeit und Recht und Freiheit" herrschen sollten. Es kam anders. Die Fürsten erkannten schnell die Gefahren, die ihren ererbten Positionen drohten. Sie schlossen sich zu einer Interessengemeinschaft zusammen, die das Ziel hatte, die alten Machtverhältnisse wiederherzustellen und die bereits gewährten Freiheiten wieder rückgängig oder wirkungslos zu machen.

Restauration d. h.'Wiederherstellung' nannte man diese politische Rückwärtsbewegung. Kritischen und reformerischen Ideen, die vor allem in den Universitäten ihre Heimstätte hatten, wurde der Kampf angesagt.

In den Karlsbader Beschlüssen von 1819 vereinbarten die deutschen Fürstenstaaten die Einführung der Pressezensur, die Entlassung kritischer Professoren, das Verbot studentischer Burschenschaften und die Überwachung der Universitäten. Das Großherzogtum Hessen bildete hier keine Ausnahme. Mit einem großen Polizeiapparat und einem ausgeklügelten System von Spitzeln hielt die Regierung die Fäden fest in der Hand. Politische Betätigung, die nicht der staatlich verordneten Linie entsprach, galt als Hochverrat, ebenso die Herstellung und selbst die Lektüre von Schriften, die nicht die staatliche Zensur durchlaufen hatten. Dies war der Staat, in den Georg Büchner 1833 zurückkehrte.

Es war aber nicht nur die Erstickung der politischen und denkerischen Freiheiten, die Georg Büchners Abscheu erregte und seinen Widerstand weckte. Den wohlsituierten Bürgersohn bedrückte auch die entsetzliche Armut, die er allerorts erblickte, und die sprachlose, dumpfe Resignation, mit der die einfachen Menschen ihrem Schicksal begegneten. In seinem Drama "Woyzeck" lenkte er die Aufmerksamkeit auf diese durch Armut und Abhängigkeit ihrer Würde beraubten Menschen und setzte ihnen ein literarisches Denkmal. In einem seiner Briefe schrieb er: "Ich komme vom Christkindelsmarkt: Überall Haufen zerlumpter, frierender Kinder, die mit aufgerissenen Augen und traurigen Gesichtern vor den Herrlichkeiten aus Wasser und Mehl, Dreck und Goldpapier standen. Der Gedanke, daß für die meisten Menschen auch die armseligsten Genüsse und Freuden unerreichbare Kostbarkeiten sind, macht mich sehr bitter." Im Gegensatz zu vielen seiner liberalen, revolutionären Zeitgenossen, denen der Blick für soziale Probleme verstellt war, kam Büchner bald zu der Einsicht, daß der Kampf um politische Rechte und Freiheiten nur vordergründig und zum Scheitern verurteilt war, wenn er nicht auch gleichzeitig ein Kampf gegen die materielle Not der großen Masse der Bevölkerung würde. Echte politische Rechte und Freiheiten konnte es nur geben, wenn die schlimmste materielle Not der Bevölkerung beseitigt war: "Wiener Kongreß, Preßfreiheit, Bundestagsordonanzen u. dgl., lauter Dinge, um welche sich die Bauern nicht kümmern, solange sie noch mit ihrer materiellen Not beschäftigt sind. Denn diese Leute haben aus sehr naheliegenden Ursachen durchaus keinen Sinn für die Ehre und Freiheit ihrer Nationen, keinen Begriff von den Rechten des Menschen." Ein Engagement für sittliche Werte im Alltag wie in der Politik konnte man nur von Menschen erwarten, deren Kraft nicht vom täglichen Kampf um die nackte Existenz erschöpft war. Woyzeck, der gehetzte, gedemütigte Offiziersbursche, drückt das in der Sprache der einfachen Menschen aus. Als ihm sein Hauptmann Vorhaltungen macht, weil er, Woyzeck, Vater eines unehelichen Kindes ist und daher kein tugendhafter Mensch sei, antwortet er: "Ja, Herr Hauptmann, die Tugend,- ich hab's noch nit so aus. Sehn Sie: wir gemeine Leut, das hat keine Tugend, es kommt einem nur so die Natur; aber wenn ich ein Herr wär und hätt ein Hut und eine Uhr und eine Anglaise und könnt vornehm reden, ich wollt schon tugendhaft sein. Es muß was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl." Arme Kerle gab es viele in Deutschland und besonders im Großherzogtum Hessen.

Es war ein reines Agrarland, dessen Bevölkerung sich seit 1790 fast verdoppelt hatte. Die kleinbäuerlich strukturierte Landwirtschaft musste diese Bevölkerung ernähren und dazu noch einen aufgeblähten Staatsapparat und eine kostspielige Hofhaltung über hohe Steuern finanzieren. Jede Missernte hatte eine Hungersnot zur Folge. Zwar regte sich Opposition, aber die Bauern selbst, die große Mehrzahl von ihnen Analphabeten, waren nicht in der Lage, auf eine grundlegende Änderung hinzuarbeiten. Es kam gelegentlich zu Hungerrevolten, die aber vom Militär schnell niedergeschlagen wurden. So kam es im September 1830 zum "Blutbad von Södel", in der Wetterau, wo großherzogliche Soldaten einen Protestmarsch verarmter Dorfbewohner "beendeten".

Unter dem Eindruck der Unfreiheit im Polizeistaat und vor allem der elenden Lage der Bauern gründete Georg Büchner in Gießen eine geheime "Gesellschaft für Menschenrechte". Er knüpfte Kontakte zum Kopf der heimlichen Opposition im Lande, dem Butzbacher Schulrektor und Pfarrer Dr. Friedrich Ludwig Weidig, der seit langem illegale Flugschriften herausgab. Zusammen mit Weidig verfasste Georg Büchner im Juli 1834 den "Hessischen Landboten", ein Aufruf an die hessischen Bauern zur Revolution. Die Schrift beginnt mit den Worten: "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" In mitreißender, bildhafter Sprache rechnet er den Bauern vor, wofür sie Steuern zahlen: Für einen Staatsapparat, eine Justiz und ein Militär, deren einzige Aufgabe es ist, die Zustände so zu erhalten, wie sie sind, damit der Fürst und einige wenige Reiche und Privilegierte sorglos leben können. Mit Argumenten der Vernunft und Zitaten aus der Bibel machten Büchner und Weidig klar, dass dieser Fürst und dieser Staat ihr Recht auf Herrschaft verwirkt hatten, und so gipfelt der Hessische Landbote in einem Aufruf zur Erhebung.

Die Aktion hatte verheerende Folgen - für Georg Büchner und seine politischen Freunde. Karrieresüchtige Verräter in den eigenen Reihen informierten die Polizei. An die vierzig Personen wurden verhaftet. Die wenigen Flugblätter, die überhaupt ihren Weg zu den Adressaten fanden, wurden von den biederen, verängstigten oberhessischen Bauern bei der Polizei abgeliefert. Georg Büchner entzog sich durch Flucht dem Zugriff der Staatsgewalt. In den Staatsgefängnissen von Friedberg und Darmstadt spielten sich in den folgenden Jahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit stille aber schlimme Tragödien ab; mit endlosen, entwürdigenden Verhören, mit Prügelstrafe und Folter versuchten Polizei und Justiz die revolutionären Geister zu zermürben. Viel überlebten die Tortur nicht. Dr. Ludwig Weidig beging in der Haft Selbstmord.

Georg Büchner, seit dem 13.Juni 1835 steckbrieflich gesucht, kehrte nach Straßburg zurück, lebte dort unter der ständigen Bedrohung der Auslieferung und musste sich jeder offenen politischen Tätigkeit enthalten.

Noch vor seiner Flucht hatte er in nur fünf Wochen sein erstes Drama, "Dantons Tod", geschrieben. Das Stück zeigt, dass der Revolutionär Büchner sehr wohl um die gefährliche, selbstzerstörerische Eigendynamik einer Revolution wusste, dass Revolutionen keinen gesellschaftlichen Idealzustand herbeiführen, dass auch Revolutionäre anfällig sein können für Eitelkeit, Heuchelei, Lasterhaftigkeit, Weltfremdheit, Gewissenlosigkeit und andere Schwächen und Gemeinheiten.

Der zweite Straßburger Aufenthalt war durch materielle Sorgen und eine an Arbeitswut grenzende literarische und wissenschaftliche Tätigkeit gekennzeichnet. Georg Büchner war gezwungen, sich ein eigenes Einkommen zu schaffen. Er intensivierte sein Medizinstudium und promovierte 1836 mit einer Arbeit über das Nervensystem einer Karpfenart. Im gleichen Jahr schrieb er die Komödie "Leonce und Lena", in der er die Aufgeblasenheit, Borniertheit und Langeweile geißelte, die an den kleinen deutschen Fürstenhöfen herrschte; ferner die Novelle "Lenz", eine Darstellung des verzweifelten aber erfolglosen Versuchs des Dichters und Schriftstellers Lenz, einer fortschreitenden Geisteskrankheit zu entgehen. Im gleichen Jahr entstand auch das Fragment des Dramas "Woyzeck", die Geschichte eines Soldaten und Offiziersburschen, der alle Demütigungen über sich ergehen lassen muss, denen in jenen Tagen ein armer und ungebildeter Mensch ausgesetzt war, und der sich nicht anders zu helfen weiß, als daß er seine Geliebte tötet, als sie ihm untreu wird. Daneben übersetzte er -zum Broterwerb- Stücke von Victor Hugo ins Deutsche. Seine medizinischen Studien über Nerven brachten ihm im Herbst 1836 eine Berufung als Dozent an die Universität Zürich. Am 2. Februar 1837 erkrankte er an Typhus. Am 19. Februar starb er, noch nicht 24 Jahre alt.

Erich Kästner, Dietrich Bonhöfer, Heinrich Böll, Bertha von Suttner, Käthe Kollwitz, Georg Büchner - die Gesamtschulen unserer Region haben sich Namen von Persönlichkeiten gegeben, die in besonderer Weise das humane Erbe unseres Landes verkörpern. Georg Büchners Genialität tritt in seinen Bühnenstücken besonders hervor. Aber es gibt von ihm nicht wenige Äußerungen zu Bildungsfragen, und sie sind von einer Qualität, daß sie Leitlinien für eine Schule abgeben, die sich dem Zielen einer Bildungsreform verschrieben hat. Auch er ging den unbequemen Weg aus überzeugung. Er verzichtete auf die bequeme Karriere, weil er sich mit den Mißständen seiner Zeit nicht abfinden konnte. Er war ein engagierter Kämpfer für Menschen- und Bürgerrechte, für die Menschenwürde, deren Verwirklichung er durch Armut und Mangel an Bildung verhindert sah. Als die Gründer unserer Schule vor über 30 Jahren eine Schule einrichteten, in der Schüler und Schülerinnen verschiedener Begabungsformen und verschiedener sozialer Schichten gemeinsam lernen sollten, taten sie gut daran, der Schule den Namen eines Mannes zu geben, der als Zwanzigjähriger Folgendes schrieb: "Ich verachte niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden - weil wir durch gleiche Umstände wohl alle gleich würden und weil die Umstände außer uns liegen. Der Verstand nun gar ist nur eine sehr geringe Seite unseres geistigen Wesens und die Bildung nur eine zufällige Form desselben." Bildung in einem weiten Sinne war für ihn ein Bestandteil der Menschenwürde. Politische Freiheit und Sittlichkeit kann unter ungebildeten Menschen nicht Wirklichkeit werden. Bildung als die Fähigkeit, die umgebende Welt in ihren Zusammenhängen zu verstehen, Bildung aber auch als Basis für Selbstbewusstsein. Solange die Mehrheit des Volkes aus "Woyzecks" besteht, aus Menschen, die in Aberglauben, Fatalismus, unreflektierten Traditionen und Minderwertigkeitsgefühlen befangen sind, solange kann diese Mehrheit ausgenutzt werden von wenigen Menschen, "die im Besitz einer lächerlichen Äußerlichkeit, die man Bildung oder eines toten Krams, den man Gelehrsamkeit heißt, die große Masse ihrer Brüder ihrem verachtenden Egoismus opfern."

Zusammenstellung: Hermann Tilp